Von der Dingdener Heide bis ans Meer – Tag 3

Ein Roadtrip in drei Teilen

Es ist Himmelfahrt und es ist Corona. In der Presse überschlagen sich die Ministerpräsidenten mit Lockerungen, Modellregionen und Öffnungsschritten. Nur wir haben Ausgangssperre. Also müssen wir unseren ersten Trip mit dem neuen ausgebauten Auto wohl nach Indizidenz-Gebieten planen.

Planung Tag 3: Meer sehen in Norddeich

  • Vorbereitung: Frühstück, Fahrt nach Norden-Norddeich (ca. 2 h), Teststation aufsuchen
  • Aktivität: Spaziergehen, Norddeich entdecken, Meer sehen, Einkaufen für Picknick/Fahrradtour Sonntag, Geocachen sich treiben lassen, Sonne genießen
  • Essen: Essen gehen oder was vor Ort (Take away) kaufen
  • Übernachtung: mehrere Möglichkeiten, irgendwo wo’s schön ist

Und täglich grüßt der Gartenhäcksler

7:30 Uhr. In meinem Kopf fährt ein Traktor (?) vorbei. Ist es schon hell? Ich lupfe die Thermomatte vom Seitefenster an, aber die Welt ist noch nicht aufgestanden. Die Scheibe ist von innen so stark beschlagen, dass ich außer eher difusem Licht überhaupt nichts erkennen kann. Ich nehme mir die Schlafmaske und drehe mich rum. Jetzt höre ich einen Bagger (?). Stehen wir hier mitten in einer Baugrube? Gestern abend haben wir nichts dergleichen gesehen. Okay, es war dunkel. Wir stehen an einem Samstag am Sportplatz von äh… Auf-dem-platten-Land-in-der-Nähe-von-Norden und als nächstes höre ich … Schredder? Und kalt ist mir auch noch! Geschlafen habe ich einigermaßen, aber was soll das jetzt bitte?

Um 8 Uhr regt sich auch Jule. Zweiter Versuch mit dem Seitenfenster. Ich kann verschwommene Umrisse sehen. Da steht tatsächlich in Traktor, ein Bagger und ein großer Gartenhäcksler. Nicht so ein kleiner für den heimischen Garten, nein, ein Monster wie ihn Gartenbaufirmen haben. Drumrum stehen drei Männer, die tragen wenigstens Gehörschutz. Die anderen Camper sind schon weg. Die waren schlauer als wir. Nach genauerer Betrachtung unserer Situation wird klar: Hier können wir uns weder waschen noch frühstücken, denn es gibt keinen Sichtschutz zu den Männern oder den umliegenden Häusern. Bei dem Krach wird der Kaffee schlecht.

Zum Glück habe ich einen Wald-Picknickplatz auf meiner Liste stehen, da fahren wir jetzt hin. Wir tauschen unsere Schlafsachen gegen unsere Klamotten. Anziehen im Liegen und Hocken haben in Island reichlich geübt, und lassen die Gartenmonster-Männer-Truppe hinter uns.

Der Waldparkplatz ist nicht so lauschig wie gedacht, auch nicht einsam, denn er liegt vor der Einfahrt zu einem Gehöft. Außerdem ist er voll. Nur ein Parkplatz, der in einer Schlammkuhle liegt, ist noch frei. Aber Jule hatte noch keinen Kaffee, da sollte man nicht wählerisch sein. Nach dem Frühstück kommen die Lebensgeister so langsam zurück. Das liegt aber auch an den vielen Leute, die uns dabei zusehen und die wir grüßen müssen. Hier ist was los! Ein ständige Kommen und Gehen. Bis auf eine Frau sind die Leute und die Reaktionen auf unser Gefährt und uns positiv. Wir schaffen sogar eine menschenfreie Pause zu nutzen, um uns zu waschen und Zähnezuputzen.

Da wir jetzt halbwegs salonfähig sind, können wir endlich ans Meer fahren!

Die Jule, die Christin und das Meer … und das Eis

Nachdem wir einen Parkplatz direkt hinterm Deich in Norddeich ergattert haben, bezeichnenderweise neben einem Düsseldorfer Auto, lassen wir die Räder am Auto und gehen hoch auf den Deich. Aber nicht, ohne in Regenklamotten zu schlüpfen. Es ist kalt heute und der Himmel sieht nicht so aus, als wollte er uns trocken davon kommen lassen. Außerdem ist die Regenhose ein perfekter Windschutz. Die Klamotten sollte ich heute auch nicht mehr ausziehen. Später kommen sogar Handschuhe dazu. Mehr wie 12°C werden das heute nicht und es ist sehr windig.

Ich hatte erwartet „über den Deich“ zu gehen, aber das geht hier alles ineinander über. Direkt oben beginnt schon links der Hundestrand und rechts die Drachenwiese. Tatsächlich sind einige Leute da, die Drachen steigen lassen. Klappt aber nicht bei allen gut. Auch auf der linken Seite klappt nicht alles so gut, wie sich die Hundebesitzer das vorstellen. Hier sind mehrere Agility-Stationen aufgebaut. Wir beobachten eine ganze Weile, wie Leute versuchen, einen Schäferhundwelpen zu überzeugen, durch den Tunnel zu gehen. Klappt leider aber nicht.

Zu unserer großen Freude ist das Meer da. Bisher hatte ich immer Pech, wenn ich an der Nordsee war. Wollte ich das Meer sehen, war’s nicht da. Wollte ich ins Watt, war gerade Flut.

Norden-Norddeich hat seine Nordsee sehr gezähmt. Der Weg ist befestigt, ebenso das Ufer. Alle paar hundert Meter sind Einstiegsstellen mit Treppen und Rampen gebaut. Es gibt Duschen für Körper und Füße. Die Strandkörbe sind alle da, aber nur wenige bei den „Jahreskörben“ sind besetzt. Zwar spazieren viele Leute wie wir an der Uferpromenade entlang. Aber es ist einfach zu kalt, um gemütlich am Strand zu liegen.

Der Tag ist nicht nur wegen des Wetters ungemütlich. Irgendwas stimmt mit Jules Kamera nicht und sie ist missmutig. Das Objektiv meldet einen Sensor-Fehler und im Display hat sie einen Riss entdeckt. Wir gehen trotzdem auf der Promenade weiter. Leider müssen wir denselben Weg zurück, denn hier wird gebaut. Jetzt ist uns klar, warum das hier alles so geputzt und neu aussieht. Der Weg, den wir gerade gekommen sind, ist erst letztes Jahr fertiggestellt worden.

Zurück am Auto stellt Jule durch testen fest, dass tatsächlich ihr Objektiv defekt ist. So ein Mist. Zu allem Überfluss macht sich Hunger breit. Also schnallen wir die Räder los, um Norddeich zu erkunden. Das ist allerdings schnell erledigt. Hinter einer kurzen Fußgängerzone hinter dem Kurpark liegt ein nettes Viertel – alles Ferienwohnungen. Wir hatten mit einer kleineren oder größeren Innenstadt gerechnet. Aber das gibt’s hier nicht. Dafür müssten wir nach Norden. So entscheiden wir uns für ein Eis. Vor Ort. Auf der Terrasse eines Eiscafé. Es ist zwar saukalt, aber im Strandkorb sind wir etwas geschützt. Eisessen! Mit Bedienung! Wann hatten wir das letztes Mal? So lange her….

Hin und wieder zürck – und wieder hin

Nach unserer Stärkung im Eiscafé brechen wir nach Norden Altstadt auf. Wir haben gleich wieder Glück. Der Parkplatz ist an diesem Nachmittag kostenfrei. Das hätte uns allerdings alarmieren müssen. Denn als wir die Fußgängerzone betreten und gerade jubilieren wollen, weil hier Geschäfte geöffnet sind, räumen die Verkäufer gerade die Auslage rein. Hier werden an einem Samstag pünklich die Bürgersteige hochgeklappt. Aber wir wollten eh nicht shoppen gehen. Wir wissen gar nciht mehr wie das geht, außerdem ist unser Corona-Test abgelaufen. Also könnten wir nicht rein, auch wenn die Geschäfte die Termine fürs Terminshopping direkt an der Eingangstür machen. Ein Tee-Laden hat noch auf. Da können wir ohne Test rein. Ohne Tee und eine Sanddorn-Marmelade kommen wir jedoch nicht mehr raus.

Kurz darauf entdecken wir einen geöffneten Biergarten. Die Bedienung will uns zunächst abweisen. Die Küche macht erst um 18 Uhr auf. Aber wir brauchen eh ein Abendessen, denn noch hält das Eis vor. Wir reserviren und müssen uns nun um einen Corona-Test kümmern. Außerdem wollten wir noch bummeln, cachen und für die Fahrradtour morgen einkaufen. Aber das sollten wir in 2,5-3 h locker schaffen. Die Teststation ist schräg gegenüber und hat vor 10 min zugemacht. Die nächste ist bei einem großen Einkaufscenter am Ortsrand. Da könnten wir den Einkauf auch gleich erledigen. Doch auch diese ist schon zu. Also ratten wir die Teststation-Liste von Norden durch, doch nur noch eine einzigeTest-Station ist geöffnet. Norden-Norddeich, An der Mole 1. Da kommen wir gerade her! Der nächste freie Testtermin ist in 40 min. Gut, dann können wir eben noch einkaufen. Ein Discounter lag auf dem Weg. Also, zurück zum Auto.

Ich setze Jule am Discounter ab und fahre nebenan tanken. Jule braucht eine halbe Ewigkeit, ich werde schon nervös, dass wir den Testtermin verpassen und jetzt fängt es auch noch an zu tröpfeln. Da kommt sie gerade noch rechtzeitig ins Auto gesprungen, bevor es richtig ungemütlich wird. Platzregen mit Hagel. Die Scheibenwischer kämpfen einen harten Kampf. Zum Glück sind wir im Auto. Die Regenklamotten haben wir ja eh an. Jetzt müssen wir die Teststation finden.

Die angegebene Adresse führt uns zum Fähranleger Norderney-Norddeich. Allerdigns kurven wir auf dem Parkplatz rum, aber eine Teststation ist nirgends zu entdecken. Zum Glück lässt der Schauer nach. Wir haben nur noch 3 Minuten bis zu usnerem Termin, also lassen wir das Auto stehen und rennen los. Im Fährterminal weist uns jemand den Weg zu einem weißen Container, der auf der Zufahrt steht. Da müssen wir hin. 2 Leute sind vor uns und wir pünktlich. Jetzt geht alles ganz schnell. Zum Glück regnet es nicht mehr, denn hier wird der Test am offenen Fenster gemacht. Stäbchen rein. Fertig. Zurück zum Auto und ab nach Norden. Wo waren wir doch gleich stehengeblieben?

In Norden angekommen müssen wir erstmal durchatmen. Wir haben noch 1,5 Stunden bis zu unserem Abendessen. Aber seit dem Schauer ist es merklich abgekühlt. Mit ein bisschen Geocachen können wir uns aber sicher die Zeit vertreiben. Zwei nette Dosen mit Trickbehältern versüßen uns die Zeit. Ein Mini-Multi, dessen Kern eine 8 m große Schnapsflasche darstellt, treibt uns aber in die Verzweiflung. Es fängt schon wieder an zu tröpfeln. Wir gehen etwas vorzeitig zum Restaurant und hoffen, dass wir schon reinkönnen. Also wir um die Hauswand biegen, wird der Regen stärker und der nächste Platzregen kündigt sich an.

Die Bedienung möchte uns zunächst an eine Tisch halb unter einem Schirm verfrachten. Ich schlage aber den Fahrradunterstand vor und so schnappe ich mir kurzer Hand den Tisch und Jule und die Bedienung einen Stuhl. Gerade noch rechtzeitig, da geht es wieder los.

Unterm Schirm

Jule bestellt sich erstmal ein Radler, aber ich brauche einen heißen Tee. Die Männer am entfernten Tisch unterm Schirm stellen die Füße hoch, denn unter ihrem Tisch schwimmt es bereits. Die Bedieung kommt mit Schirm und Getränken zu uns, wir geben unserer Bestellung auf. Wir freuen uns auf eine heiße Suppe. Es schüttet ewig. Und wir merken schon, dass das mit den Bestellungen etwas dauern kann. Denn die Männer waren vor uns da, aber bis deren Essen kommt, haben wir unsere Getränke schon fast weg. Ein Vierertisch ist auch noch besetzt und wartet ebenfalls. Zwischendurch werden allerdings Boxen mit Essen zu Autos gebracht. Gut, das hatte man uns schon angekündigt. Also sind wir geduldig.

Wir nutzen die Zeit, um unseren ersten Roadtrip zu analysieren. Was war gut? Was hat geklappt? Was geht gar nicht? Was können wir verbessern? Was müssen wir ändern? Und ganz kurzfristig: Was machen mir morgen?

Die philosopischen Fragen im Hinterkopf, konsultieren wir erstmal den Wetterbericht für morgen. Das soll so weitergehen. 12°C bei 90% Regenwahrscheinlichkeit mit Platzregen und heftigem Wind. Und wir wollen 40 km Fahrradfahren. Nein. Danke! Wenn jetzt das Essen schnell kommt, können wir um 20 Uhr am Auto sein und um 23 Uhr zuhause im warmen Bett. Wir brechen ab und werden heimfahren. Beschlossene Sache. Nur leider haben die Rechnung ohne den Wirt bzw. den Koch gemacht. Der hat uns vergessen! Wir bekommen zwar eine Entschduldigung und ein kostenloses Heißgetränk, aber wir sitzen geschlagene 2 h bei heftigem Regen unter einem nicht ganz dichten Fahrraddach. Danke schön!

Als die Suppe endlich kommt, spüre ich meine Füße kaum noch. Wir bitten zwar den Hauptgang zügig zu servieren, aber nach dem Abräumen der Teller warten wir nochmals 25 min! Der Hauptgang wird bei den Außentemperaturen sehr schnell kalt. Ich kann meine Bohnen gar nicht so schnell herunterschlingen, wie die kalt werden. Trotzdem ist das Essen wirklich hervorragend. Leider können wir das nicht genießen. Schade drum. So viel zu unserem ersten Essengehen nach dem Lockdown.

Freischwimmer auf der Autobahn

Vollgefressen ziehen wir am Auto nur schnell die Regenklamotten aus. Denn drehen wir die Heizung an und fahren Richtung Emden und zur A31. Jule schläft fast sofort ein. Kaum sind wir losgefahren, muss ich wieder die Scheibenwischer auf Maximum drehen. Der Himmel ist pechschwarz und es schüttet und schüttet. Dieser schreckliche Regen wir uns fast die ganze Heimfahrt begleiten. Daher höre ich von Jule Musik, die sie eingestellt hat auch fast nichts. Da ich mich allerdings aufs Fahren konzentrieren muss, lasse ich es einfach so und mache ganz leise. Erst kurz hinterm Ems-Tunnel hört es auf. Nach 1,5 h Fahrtzeit gebe ich als Fahrerin auf. Wir fahren einen Rastplatz an und machen unseren Pipi-Stopp. Kaum sitzen wir wieder im Auto, geht es wieder los. Doch jetzt darf Jule sich mit den Scheibenwischern auseinandersetzen. Auf der Beifahrerseite döse ich kurz weg und kriege endlich warme Füße.

Bei Oberhausen lässt der Regen langsam nach. Als wir auf unseren Parkplatz rollen, ist es trocken. Wir schnappen uns das nötigste aus dem Auto. Doch was machen wir mit den Rädern? Also nochmals raus, Räder abschnallen, ums Haus fahren, ins Wohnzimmer stellen. Jetzt nur noch ab ins Bett!

Corona-Augangssperre. 23 Uhr .

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