Auf dem Schluchtensteig – Tag 2

Sonntag, 01.08.2021

Etappe 2

Von Achdorf nach Schattenmühle


Vorbemerkung zu Tag 2

Die zweite Etappe geht offiziell von Blumberg nach Schattenmühle. Sie ist 20 km lang und es sind 874 hm zu bewältigen. Im Höhenprofil des gesamten Schluchtensteigs sieht es allerdings so aus, als ob es die ganze Zeit geradeaus geht. Im Detail sieht man aber, dass es ständig hoch und runter, hoch und runter geht. Aber wir haben ein bisschen „runter“ gestern schon erledigt. Denn wir starten in Achdorf. Damit sind es wohl nur 18 km. Aber da wir unter Zeitdruck laufen (wir müssen die Schattenmühle bis min. 18 Uhr erreicht haben, sonst kriegen wir nichts mehr zu essen), wollen wir früh starten. Der Teil durch den bekanntesten Teil der Wutachschlucht ab Wutachmühle soll zugleich der spektakulärste Abschnitt sein. Allein dafür sollte man sich Zeit lassen. Aber da es viel regnen soll und der Untergrund vermutlich wieder sehr schwierig ist, ist ein Zeitpolster umso wichtiger. Sollten uns die 18 km zu kurz und wir zu früh am Ziel sein, können wir den Abstecher in die Lotenbachklamm noch dranhängen.


Aufbruch im Regen – oder: Der Tragödie erster Teil

Als ich gegen 6 Uhr wach werde, ist es meine Blase, die mich weckt. Ich überlege, ob ich es schaffe bis zum vereinbarten Aufstehen gegen 7:30 Uhr durchzuhalten. Meine Blase entscheidet jedoch, dass sie das nicht schafft. Also pelle ich mich aus dem Schlafsack. Das Zelt ist klatschnass. Außen vom Regen, innen vom Kondenswasser. Die Belgierinnen schlafen noch. Leider haben die heute Nacht die Klotür nicht richtig zugemacht, so dass der Boden schwimmt. Erst überlege ich, ob ich aufbleibe, aber es ist zu früh und zu nass. Ich krieche zurück in den Schlafsack und hänge noch eine Stunde dran.

Aber um 7:00 Uhr hält mich nichts mehr im Zelt. Gern würde ich wie gestern am Tisch in der Sonne frühstücken. Aber es mangelt an Sonne, stattdessen regnet es wieder. Also knabbere ich mein Müsli vom „Bett“ aus und hoffe, dass ich mich wenigstens gleich ohne Regen am Waschbecken waschen kann. Das ist nämlich leider nicht überdacht. Aber immerhin steht da ein Wasserkocher, so dass ich schnell Tee und Kaffee im Nieselregen zubereiten kann. Unser Kocher kann im Rucksack bleiben. Irgendwann wacht auch Jule auf. Als wir mit dem Frühstück fertig sind, erwischen wir tatsächlich eine kurze Regenpause, in der wir uns waschen und das Zelt abbauen können, welches allerdings innen und außen klatschnass ist. Sicherheitshalber starten wir im kompletten Regenornat, die Regenröcke können heute mal zeigen, was sie können.

Zusammen mit den Belgierinnen, die heute nach Hause fahren, verabschieden wir uns von unseren Gastgebern und laufen zunächst zur Tibet-Scheune. Diese öffnet um 8:30 Uhr. Die Tore müssen sich gerade geöffnet haben als wir dort ankommen. Wir nehmen uns zwei Bananen, zwei Schokoriegel und die Babybels aus dem Kühlschrank und hinterlassen eine Spende im Schwein. Gegen 9 Uhr brechen wir so richtig auf und laufen Richtung Aselfingen aus Achdorf hinaus. Hier können wir nochmal einen Blick auf den Gasthof „Scheffellinde“ werfen. Nach einer kleinen Steigung geht es hinunter ins Dorf Aselfingen. Hinter Aselfingen ist die Straße gesperrt. Durch die Regenfälle hat es einen Erdrutsch gegeben, der Wanderweg ist jedoch nicht betroffen. So treffen wir hinter Aselfingen auf die Wutach, die wir hier überqueren. Ein breiter Kiesweg führt uns an der Wutach entlang. Ich sammle direkt wieder Steine in meinen Schuhen, während uns der Nieselregen bergauf treibt.

Erst als wir nach etwa einer Stunde Gehzeit den Trampelpfad zurück hinunter zur Wutach und Richtung Wutachmühle einschlagen, wird das Getröpfel weniger, der Trampelpfad dafür umso rutschiger und matschiger. Wir müssen langsamer gehen.

Wir setzen uns für diesen Tag selbst etwas unter Druck. Gestern mussten wir lernen, wie lange 3 km in einer Schlucht sein können. Da wir heute den ganzen Tag in der Wutachschlucht verbringen werden, haben wir extra viel Zeit eingeplant, um pünktlich zum Abendessen in der Schattenmühle anzukommen. 9 h für 18 km sollte wohl dicke reichen. Bisher sind wir zügig trotz Regen unterwegs. Die Wutachmühle erreichen wir nach ca. 1:20 h. Die ersten knapp 5 km sind geschafft.

Hinein in die Schlucht – oder: Der Tragödie zweiter Teil

Die Wutachmühle ist heute morgen geschlossen. Ich bin mir nicht sicher, ob diese überhaupt noch bewirtschaftet wird oder ob deren Funktion heute der Kiosak am anderen Ufer übernimmt. Hier hätten wir gern einen Kaffee/Tee zur Stärkung eingenommen. Aber der Kiosk ist um diese frühe Uhrzeit noch geschlossen. Der erste Wanderbus muss allerdings schon da gewesen sein. Zwei Inder mit Regenschrimen stehen unter einem Dach und scheinen zu überlegen, ob sie das Abenteuer wagen sollen. Nikolaus, der Wirt vom Schlafen-im-Stroh hat uns erzählt, dass sich an schönen Wochenenden 2.000-3.000 Menschen in der Wutachschlucht zwischen Wutachmühle und Schattenmühle drängeln. Heute sind wir gerademal zu viert. Die Inder laufen fast zeitgleich mit uns in die Schlucht. Wir werden noch viel Spaß mit diesen beiden Herren haben.

Der erste Abschnitt bis zum Kanadiersteg läuft sich einfach. Der Weg ist breit, es geht zwar hoch und runter, aber etwa eine halbe Stunde können wir recht unangestrengt laufen. Allerdings wird der Regen stärker. Wie die Inder suchen auch wir in der überdachten Brücke Zuflucht. Hier können wir die Einmündung der Gauchach in die Wutach gut beobachten. Die Wasser der beiden Flüsse sind unterschiedlich gefärbt und mischen sich erst nach einer Weile. Nach einer kurzen Trinkpause entscheiden wir uns weiterzulaufen. Tatsächlich wird der Regen weniger. Glück gehabt.

Allerdings wird jetzt der Weg immer schwieriger. Eigentlich ist der Weg an den meisten Stellen recht breit, so dass man am Gegenverkehr gut vorbeikommt oder als Familie nebeneinander laufen kann. Das ist heute nicht der Fall. Ja, der Weg ist breit, aber völlig verschlammt. So kann man nur am Wegesrand sich entlanghangeln, wenn man mit den Schuhen nicht absaufen möchte. Wir beobachten die Inder, wie sie das meistern. Jeder hat einen Schirm in der Hand. Aber sie kommen teilweise geschickter durch die matschiger Passagen als wir. Wir folgen ihrem Beispiel und ihren Spuren. An zwei kleinen Brücken, die einen Erdrutsch am Wutachaustritt umgehen, tauschen wir die Plätze. Jetzt sind wir vorne.

Am nächsten Fotostopp werden wir schon wieder eingeholt und wir kommen ins Gespräch. Die beiden erzählen uns, dass sie aus Siegen bzw. Berlin kommen, ursprünglich beide aus Indien stammen und hier Urlaub machen. Da Jule 2019 beruflich zwei Wochen in Indien verbrachte und viele indische Kollegen hat, ist sofort eine Sympathie zwischen uns vieren zu spüren.

An der nächste Brücke vor einer beeindruckenden Felswand machen wir gegenseitig Fotos von uns.

Auch der Weg wird jetzt immer beeindruckender und damit richtig schwieriger. Er geht an Felswänden entlang, man kann nur noch hintereinander gehen. Die Stellen sind nicht immer durch Seile gesichert. Man muss bei dem Wetter höllisch aufpassen, wohin man seine Füße und Stöcke setzt. Die Wutachschlucht wird immer mehr zur einer Herausforderung. Ständig ist man auf der Hut. Der Weg duldet keine Unachtsamkeiten mehr. Bisher bewegen wir uns fast immer auf Flussniveau, wenn auch im stetigem Auf und Ab. Nur selten führt uns der Weg in den Hang hinein.

Das ändert sich jedoch hinter dem Rümmelesteg. Hier überqueren wir wieder einmal die Wutach. Wie nass es an dem Tag war, könnt ihr gut anhand des Info-Schildes zum Rümmelesteg sehen. Den alten Steg können wir gut erkennen. Doch auch der neue ist eine beeindruckende Konstruktion.

Hinter dem Rümmelesteg geht es hoch in die Felswand. Zunächst steigen wir nur auf geringer Höhe über die Wutach, dann geht es Flusswindung für Flusswindung immer höher. Wir sind vor Leichtsinnigkeit beim Fotografieren gewarnt worden. Daher gibt es von unserer Kraxelei am Hang auch keine Bilder. Steile Aufstiege wechseln sich mit rutschigen Abstiegen ständig ab. Das kann man am Höhenprofil gut erkennen, welches heute eher Kammerflimmern gleicht. Und es geht insgesamt kontinuierlich bergauf. Wir laufen dem Wasser entgegen. Nur einmal machen wir einen Fotostopp, um die gegenüberliegende Felswand zu fotografieren.

Inzwischen wurden auch von einem weiterem Wanderer überholt. Eine Familie kommt uns entgegen. Langsam wird es in der Schlucht voller. Von 2.000 Besuchern sind wir aber noch weit entfernt. Als es nocheinmal steil bergauf geht, müssen wir eine Trinkpause einlegen. Wir schwitzen ganz schön unter den Regenklamotten. Die Inder überholen sind mal wieder, dieses Mal zum letzten Mal. Leider sehen wir diese sehr freundlichen Herren nicht wieder. Ich hoffe, sie hatten noch viel Spaß im Schwarzwald und sind gut nach Hause kommen.

Ich kann fast nicht mehr. Mir geht hier im Felsen kraxelnd alles auf die Nerven: der schlammige Weg, das ständige Hoch und Runter und nicht zu vergessen – der Regen. Inzwischen ist meine Regenjacke von innen und außen nass. Mein Rücken klebt. Ich hatte meinen Hut anbehalten, statt die Kapuze zu nutzen. Der ist inzwischen völlig durchweicht und durch die runtergeschlagene Kapuze läuft mir die Brühe in den Nacken. Wir sind jetzt über 3 Stunden ohne eine richtige Pause gelaufen. Zwischendurch haben wir zwar mal was getrunken, aber uns knurrt der Magen. Kurzerhand entscheide ich jetzt sofort einen Energieriegel einzuwerfen. Wir teilen ihn, denn wir haben Hunger wie die Wölfe. Doch es geht sofort wieder weiter. Wieder eine Treppe, die uns nochmals höher in den Hang führt:

Ich bete zu Gott, dass jetzt bitte sofort hinter der nächsten Biegung eine Rastmöglichkeit auftaucht, am besten eine Hütte, wo wir uns ausruhen und trocknen können. Hinter der nächsten Biegung, keine 30 Sekunden später, taucht die Schurhammer-Hütte inkl. Grillplatz auf. Danke, Herr!

Wir lassen uns in der Hütte auf die Bänke fallen. Mehr als 3,5 Stunden ohne Pause, so lange laufen wir sonst nie und vor allem nicht, in so schweren Gelände. Zu unserem Glück hat hier sogar jemand eine Leine aufgehängt. Wir pellen uns aus unseren nassen Regenjacken und hänge diese auf. Erschöpft fallen wir über Würstchen, Babybells und die Bananen her.

Himmelsschleusen auf – oder: Der Tragödie dritter Teil

Bis zur Schattenmühle sind es laut Schild immer noch 7,5 km. Heißt, dass wir bereits über 10 km geschafft haben müssen. Wir werden unser Abendessen wohl sicher kriegen. Heißt aber auch, dass wir den Weg richtig eingeschätzt haben und wir viel Zeit heute brauchen. Für die letzten 4 km seit der Wutachmühle haben wir über 2 h gebraucht.

Nach der Pause hoffe ich, dass der Weg nun leichter wird und eher wieder unten an der Wutach langführt. Leider habe ich mich geirrt. Nur ein kurzes Stück, dann steigen wir in die Felsgalerie ein. Diese ist zum Glück größenteils mit Seilen gesichert. Hier abstürzen möchte ich nicht. Auch gegenüber fällt die Felswand senkrecht zur Wutach ab. Der Anblick ist nach wie vor spektakulär, aber unseren Augen haben heute schon so viele Felswände gesehen, dass unser Blick ermüdet ist von der Kolossalität.

Außerdem bin ich nach der Pause nicht sonderlich erholt. Irgendwas passt meinem Körper nicht. Aber hier gibt es keine Möglichkeit, nochmals eine Rast einzulegen. Der Weg ist so schmal, dass jeder Gegenverkehr zur Herausforderung wird. Lange stehen bleiben kann man nicht. Und eine Bank ist nicht in Sicht. So hoffe ich, dass bald das ehem. Bad Boll auftaucht. Gegen 14 Uhr, also etwa 1 h nach unserer Pause, passieren wir den Tannegger Wasserfall. Der Weg hat uns wieder unten zur Wutach gebracht. Meine Hoffnung steigt, dass ich bald Hitzestau und Blasendruck, denn das ist es, was mich quält, beseitigen kann.

Und tatsächlich erreichen wir nur 15 min später die Kapelle vom ehemaligen Kurort Bad Boll. Hier gibt es drei Picknickbänke und genug Sichtschutz für meine quengelnde Blase. Außerdem ist mir mittlerweile unter den Regenklamotten so warm, dass ich dringend eine Schicht abstreifen muss. Tatsächlich packe ich Regenjacke und Regenrock weg. Es ist endlich trocken von oben.

Was es genau mit Bad Boll auf sich hat, erfahren wir nur wenige 100 m auf dem Schild. Ihr könnt die Infos dazu hier nachlesen.

Dieser kleine Stopp war der Vorletzte für heute. Aber er hat mir sehr gut getan. Hinter dem Info-Häuschen von Bad Boll überqueren wir wieder die Wutach. Der Weg geht zwar aufwärts, aber es handelt sich um eine Schotterpiste. Ich habe Hoffnung, dass der Rest bis zur Schattenmühle sich nun einfacher laufen lässt und wir bald da sind. Von der Anhöhe aus sehen wir den Hangrutsch, der 2017 den letzten Fahr- und Zugangsweg nach Bad Boll unter sich begrub. Damit ist das Heil- und Kurort endgültig Geschichte.

Jule deutet die dunklen Wolken über dem Hangabrutsch. „Da kommt gleich wieder was runter. Wir müssen uns anziehen! Schnell!“. Noch bevor sie den Satz beendet hat, fallen dicke Regentropfen. Statt mich hier und jetzt wieder in mein Regenzeug zu werfen, renne ich los. Wir stehen auf offner Fläche, weit und breit ist kein Regenschutz in Form von Bäumen zu sehen. Aber nur 100 m weiter beginnt wieder der Wald. Die richtige Entscheidung, loszusprinten. Ich finde etwas Schutz vor dem prasselnden Regen unter einem großem Baum. Trotzdem muss ich mich sehr beeilen: Rucksack ab, Rucksack auf, Regenjacke raus, Rucksack zu, Regenjacke an, Regenrock raus, Rucksack hoch, Regenrock an. Für solche Gelegenheiten sind Regenröcke super. Unsere sind offen. Die schlingt man bloß um die Taille und klettet sie zu. Gummi zuziehen, fertig. Das geht sogar, wenn man den Rucksack auf hat.

Jetzt schüttet es richtig! Ab jetzt müssen wir ohne Pause bis zur Schattenmühle durchlaufen. Der Regen trommelt auf die Kapuzen, jeder ist für sich allein. Hinter einem Picknickplatz ziehen wir zusammen mit einem anderen Wanderer an einem geilen Wasserfall vorbei. Das letzte Bild für heute auf dem Weg. Danach packen wir unsere Handys regenfest weg.

Hinter diesem Wasservorhang wird der Weg wieder schwieriger. Von unserer Umgebung kriegen wir nichts mehr mit. Die Welt besteht ab sofort nur noch aus Pfützen, Schlamm und vor allem glitschigen Wurzeln. Das Trommeln des Regens macht jedes Gespräch unmöglich.

Überall sind ähnlich wie in den Wutachflühen Bäume umgekippt. Wurzelteller müssen umgangen werden. An einer umgestürzten Tanne stößt sich Jule böse den Kopf. Sie hat den Baum vor lauter Regen und Wurzeln nicht gesehen und ist dagegen gelaufen. Was mich zunächst amüsiert (wie kann man einen ganzen Baum übersehen?), ist schnell bitterer Ernst. Jule fällt immer mehr zurück, während ich im Kampf gegen die Elemente aufblühe und zügig voranschreite. Sie hat Kopfschmerzen und Schwindel. Offensichtlich hat sie sich den Kopf stärker angehauen als gedacht. Wir tauschen die Plätze. Ich gehe hinter ihr. So kann ich notfalls eingreifen, falls sie strauchelt.

Wie lange wir für die letzten 2 km brauchen? Keine Ahnung. Zeit wird relativ, wenn man nur auf seine Füße guckt, wenn das Wasser einem von den Händen unter die Regenjacke in den Ärmel läuft, wenn man nur noch hofft, dass die Sachen im Rucksack irgendwie trocken bleiben, wenn man nur noch einen Schritt vor den anderen setzt, weil es keine Alternative gibt. Irgendwann taucht über unseren Köpfe eine Landstraße auf. Linkerhand sehen wir ein großes Gebäude, eine Scheune oder Lagerhalle: Spuren menschlicher Besiedlung. Die Schattenmühle muss ganz nah sein. Dann geht auf den glitschigen Wurzeln kurz bergab, ich kann Teer und eine Schranke sehen. Wir haben die Schattenmühle erreicht!

Zunächst flüchten wir auf die Terrasse des Selbstbedienungsrestaurants. Kurz nach 16 Uhr! Nach gut 7 Stunden haben wir es die Etappe geschafft.

So nass kann’s sein – oder: Der Tragödie vierter Teil

Wir müssen erstmal unsere Masken suchen, bevor wir reingehen und nach unsere Unterkunft fragen können. 15 Minuten später stehen wir tropfend in einem winzigen Zimmer. Wir wissen gar nicht, wohin mit unseren nassen Sachen. Ich setze mich erstmal auf die Toilette und packe meinen klatschnassen Rucksack aus. Die Außenfächer inkl. Deckelfach schwimmen alle. Da ist nichts trocken geblieben. Zum Glück können die Sachen das ab. Trotzdem trockne ich jedes Teil ab, bevor ich neben der Toilette Haufen bilde. Wie durch ein Wunder haben sich die Traubenzuckerpäckchen, die Jule noch kurz vorm Loslaufen bei mir ins Deckelfach gepackt hat, nicht in Matsch verwandelt.

Jule stellt ihren Rucksack in die Dusche. Wir müssen jetzt erstmal aus den nassen Sachen raus. Mit Erschrecken stelle ich fest, dass mein Shirt an der Brust komplett durch ist. Mir die Brühe offensichtlich in den Ausschnitt gelaufen. Zumindest der Rücken ist aber fast trocken. Kapuze aufsetzen hat wenigstens hier geholfen.

Das Bett müssen wir selbst beziehen, so dass wir uns im ersten Moment nirgendwo hinsetzen können oder das Bett als Ablage nutzen können. Es dauert ein bisschen, bis wir uns mit dem winzigen Zimmer und den nassen Sachen arrangiert haben. Außerdem müssen wir heute waschen, aber ob wir bei diesen Bedingungen irgendwas trocken kriegen, wage ich zu bezweifeln. Außerdem hätte ich eigentlich meinen Schlafsack und meine Isomatte trocknen müssen, denn wir waren beim Abbau des Zelts ordenlich vom Kondenswasser nass geworden. Aber da das nicht mehr schlimmer werden wird, bleiben die in ihren wasserdichten Säcken schön verpackt. Auch das Zelt selbst bleibt schön in seinem Beutel. Nasser als heute morgen ist es wohl kaum geworden. Wir werden es morgen Abend dann halt nass aufbauen.

Nach einer Stunde haben wir aber soweit alles geklärt. Die Wäsche ist gemacht, alles Nasse ist aufgehangen, das Bett bezogen. Wir kommen langsam runter.

Draußen im Flur läuft ein Fön. Inzwischen ist eine Wandergruppe bestehend aus ca. 12 Frauen angekommmen. Die haben doch tatsächlich einen Fön in die nassen Schuhe gesteckt! Ob das so gut ist?! Trotzdem sind wir ein bisschen neidisch. Die Tragesystem von Jules Rucksack hätten wir gern gefönt.

Abend, Nacht und was morgen kommt – der Tragödie fünfter Teil

Wir müssen pünktlich um 18 Uhr zum Abendessen erscheinen. Jule schläft 10 min vor dem Abmarsch ins Restaurant tatsächlich kurz ein. Eigentlich wollte ich sie gar nicht wecken. Aber wenn wir nicht pünktlich sind, geht es ohne Abendessen ins Bett. Also gehen wir runter in die Gaststube.

Die Damenwandergruppe ist bereits eingetroffen. Ich komme mir ein bisschen komisch vor. Wir sind auf Socken unterwegs und haben nur die Klamotten an, die halbwegs trocken geblieben sind. Da das bei mir nur ein T-Shirt ist, habe ich meine Daunenjacke übergezogen. Die Wandergesellschaft nebenan sieht dagegen aus wie frisch angereist. Die Damen sind alle perfekt gefönt, tragen helle saubere Hosen sowie vernünftige Schuhe. Die haben bestimmt ein Gepäck-Shuttle. Später erfahren wir, dass die Truppe nur Teile des Schluchtensteigs läuft und für einige Passagen den Wanderbus nutzt. Ein bisschen neidisch bin ich heute Abend schon…

Die servierte Suppe wärmt uns ordentlich durch und vom Hauptgericht werden wir wenigstens satt. Zurück auf dem Zimmer bleibt nicht viel vom Tag übrig. Durch den Regen ist es früh dunkel. Wir hoffen, dass es morgen besser wird. Einen Wetterbericht bekommen wir nicht. Es gibt keinen Handyempfang und kein WLAN. Auch hängt kein Wetterbericht aus. Wir werden morgen wohl einfach aus dem Fenster gucken müssen. Gegen 22 Uhr machen wir das Licht aus und versuchen zu schlafen. Mir ist viel zu warm. Erst nachdem ich mich komplett ausgezogen habe und mich nur noch zur Hälfte zudecke, schlafe ich einigermaßen. Wenigstens die Matratzen und Kissen sind bequem.

Morgen wollen wir sehen, wie weit wir kommen. Wir haben keine feste Übernachtung gebucht. Wir müssen sehen, wo wir unterkommen. Wäre gut, wenn wir es bis zum Schluchsee oder so schaffen. Wäre auch gut, wenn es nicht mehr so viel regnen würde. Aber auf letzteres haben wir keinen Einfluss. Da wir um 8 Uhr bereits beim Frühstück sein müssen, wird es wohl auch wieder ein früher Aufbruch. Und dann mal schauen…

Zusammenfassung Tag 2

  • Gelaufen am: Sonntag, 01.08.2021
  • Länge laut GPS: 20,2 km
  • Geschätzte Höhenmeter: 889 Hm (Aufstieg 507 Hm, Abstieg 382 Hm)
  • reine Gehzeit: 6:09 h
  • gesamte Dauer: 7:19 h
  • Charakteristik: Schwer die Charakteristik dieser Etappe unter dem Eindruck des Regens zusammenzufassen… Eigentlich ist es eine sehr beeindruckende Etappe. Das erste Viertel bis zur Wutachmühle ist einfach über breite Schotterstraßen zu begehen. Die Wutachschlucht ist wirklich der Hammer. Ein spektakuläreres Panorama für eine Wanderetappe gibt es wohl kaum. Schwindelfreiheit und Trittsicherheit schaden auch bei gutem Wetter nicht. Ich gehe nämlich davon aus, dass die Wege nicht überall vollständig abtrocknen. Der Weg in der Wutachschlucht selbst ist mit ausreichend Zeit lösbar. Bestimmt kann man an einigen Stellen gut an der Wutach picknicken, so dass man im Gegensatz zu uns, auch mal Pausen einlegen kann. Zum letzten Viertel zur Schattenmühle kann ich nichts sagen, da ich nur auf den Boden geguckt habe. Allerdings handelt es sich um einen „Wurzelweg“. Stöcke sind sicher auch bei trocknem Wetter daher hilfreich.

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