Auf dem Schluchtensteig – Tag 4.2

Dienstag, 03.08.2021 (immernoch)

Etappe 4 + 5

Von Schluchsee über St. Blasien nach Todtmoos


Vorbemerkung zu Tag 4 – Teil 2

Die vierte Etappe geht offiziell von Fischbach, oberhalb vom Schluchsee, nach St. Blasien. Sie ist 20 km lang und es sind 1.055 hm zu bewältigen. Davon geht das meiste aber runter. Die fünfte Etappe startet in St. Blasien und geht bis nach Todtmoos. Sie ist 19 km lang und es sind 1.131 hm zu bewältigen.

In der ersten Tageshälfte sind wir bis St. Blasien gekommen. Nachdem wir uns dort bei einer Pizza gestärkt haben, sind wir auf die wahnwitzige Idee gekommen, dass wir es heute bis nach Todtmoos schaffen und einfach noch die fünfte Etappe dranhängen. Nach einer Dombesichtung geht es hoch zum Lehenkopf. Wenn wir den Lehenkopfturm erreicht haben, haben die schlimmste und längste Steigung für die zweite Tageshälfte hinter uns. Danach geht es über das Ibacher Hochtal und viele Hochweiden in die Hohwehraschlucht. Über diese werden wir nach Todtmoos absteigen. Diesen Abschnitt will ich in diesem Bericht schildern.

Am Ende werden wir also fast zwei komplette Etappen gelaufen haben. 12 h und mehr als 36 km …


Ein wunderschöner Dom und ein böser Anstieg

In Regenklamotten gewandet treten wir von der Terrasse der Pizzeria wieder auf die Hauptstraße von St. Blasien. Denn kurz vor unserem Aufbruch hat es begonnen zu regnen. Leider. Unser nächstes Ziel: Die Sparkasse mit einem Geldautomaten finden. Denn wir haben kein Bargeld mehr. Die Kellerin meinte, wir würden an einer vorbeikommen. Inzwischen regnet es richtig. Bevor wir allerdings an Bargeld kommen, kommen wir am Dom vorbei. Eine größere Menschenansammelung steht vor den Toren, so dass wir schon davon ausgehen, dass man dort anstehen muss. Tatsächlich haben hier lediglich Touristen Zuflucht vor dem Regen gesucht. Einer Besichtigung steht nichts im Wege. Als wir den Dom betreten bin ich erstmal geblendet. Der ungewöhnliche Kuppelbau ist innen komplett weiß! Die Kuppel mit ihrem Deckengemälde ist laut Reiseführer die drittgrößte Europas. Wir schreiten einmal das Rund ab und lassen uns beeindrucken.

Der Schluchtensteig führt eigentlich in den Kurpark zum Wanderportal. Wir machen jedoch kurz den Abstecher zur Sparkasse, dessen rotes S wir zum Glück vom weitem sehen. Mit Bargeld an Bord fühlen wir uns gleich besser. Sonst können wir heute abend wohlmöglich nicht den Campingplatz bezahlen. An den historischen Gebäuden rund um den Dom entlang bringt uns der Schluchtensteig schnell hinaus aus St. Blasien und zum Einstieg des Aufstiegs zum Lehenkopf. Durch Büsche führt ein Trampelpfad, der schnell ziemlich steil ansteigt. Unter den Regenklamotten wird es warm, aber da es kontinuierlich weiter vom Himmel tropft, haben wir keine Wahl. Nur kurz werfen wir einen Blick zurück nach St. Blasien, dessen Dom, aber auch unseren Sitzplatz auf der Terrasse, wir nun nochmals von oben sehen können.

Zwar ist dieser Abschnitt der Wanderung nach Prinzessin Viktoria Luise von Preussen benannt, mir spukt aber eine andere historische Persönlichkeit im Kopf herum: die heilige Elisabeth von Thüringen. Von ihr gab es einen Heiligenbild im Dom. Ich habe mich einmal sehr intensiv mit dieser historischen Person und ihrer Lebensgeschichte auseinandergesetzt, als mein Interesse an den Beginen im Hochmittelalter erwachte. Außerdem kenne ich seit Kindesbeinen an die Elisabethkirche in Marburg. Wie das zusammenhängt und was mich an dieser Frau fasziniert, die nur 24 Jahre alt wurde, erzähle ich Jule bei unserem Aufstieg. So geht der Anstieg schneller vorbei.

Beim Lehenkopf soll es eine Rastmöglichkeit geben. Ich rechne mit einer Wanderhütte, bin daher etwas überrascht, als der riesige Holzturm vor uns auftaucht. Jetzt ist es nur noch ein kurzer Anstieg bis wir vor seinem Eingang stehen. Ein Rastmöglichkeit gibt es, allerdings ist diese nicht überdacht. Die Bänke sind nass, aber trotzdem nutzen wir die Gelegenheit, kurz unsere Regenklamotten in den Wind zu hängen und auszuschwitzen. Denn es hat gerade mal aufgehört zu regnen. Aus dem Turm kommen zwei junge Frauen. Es sind zwar Lehrerinnen aus den USA, die in der Schweiz an einer internationalen Schule unterrichten. Sie nutzen die letzten Tage der Ferien, um einen Teil des Schluchtensteigs zu gehen. Da es von Basel nur einen Katzensprung hierher ist, machen sie den Weg in kleinen Portionen. Allerdings laufen die beiden in umgekehrter Richtung. Sie mussten also den langen Aufstieg von Wehr bewältigen. Sie meinen, dass der Weg nun nicht mehr so schwer sein wird, allerdings sei in der Schlucht runter nach Todtmoos, also die Hohwehraschlucht, ziemlich rutschig. Dafür gäbe es einige schöne Wasserfälle. Mit Schluchten und rutschigem Untergrund haben wir ja schon reichlich Erfahrung. Das schreckt uns nicht.

Die Besteigung des Turms lassen wir aus. Die Beine sind vom Aufstieg noch schwer und bei dem Wetter sieht man eh nichts, so wie sich der Himmel zugezogen hat. Allerdings meinen die Frauen, dass die mittlere Plattform ideal für ein Nachtlager wäre. Wir werden aber nicht schwach, sondern halten an unserem Plan fest, Todtmoss zu erreichen, und gehen daher weiter. Der Wegweiser teilt uns mit, dass es nur noch 5,0 km sind, allerdings kann man erkennen, dass die 1 fehlt. Es sind also noch 15 km.

Der Hochschwarzwald im Regen

Die erwartete Wanderhütte taucht nach etwa einem Kilometer auf. Allerdings steht hier auch ein sehr merkwürdiges Schild mitten im Wald, was irgendwie deplatziert wirkt. Aber schaut bitte selbst.

Wir folgen nicht dem Umleitungsschild, sondern kommen von hier aus langsam aus dem Nadelwald des Naturschutzgebeites Rüttwies hinaus auf eine offenere Landschaft. Hier oben bewegen wir uns stets um die 1.000m-Marke und haben damit den Hochschwarzwald und den Oberen Hotzenwald erreicht. Der Regen hat mittlerweile wieder stärker eingesetzt und wir sind froh, dass wir nach unserer Rast auf dem Lehenkopf doch unsere Regenkleidung wieder vollständig angezogen haben. Trotzdem können wir die Magerwiesen und die Weite der Landschaft nicht wirklich genießen. Alles verschwindet hinter einem mehr oder minder dichten Schleier aus Regen.

Nach einer halben Stunde und einigen Kuhgattern erreichen wir den Aussichtspunkt am Horbacher Felsen, der einen schönen Picknickplatz mit prächtigem Alpenpanorama auf 1.000 m NN darstellt – bei klarem Wetter und Sonnenschein. Allerdings regnet es gerade so stark, dass ich kaum ein Foto machen kann.

Von hier aus geht es durch das nächste Kuhgatter hinuter nach Horbach und weiter zum Klosterweiher, wo eine Ausflugsgaststätte steht. Es regnet so stark, dass mir die Brühe in die Ärmel läuft. Unter den tief in die Stirn gezogenen Kapuzen können wir kaum etwas von unserer Umgebung sehen, als wir hinter dem Restaurant wieder ein bisschen aufsteigen müssen. Schade, der Platz, das Restaurant und der kleine Teich davor wären sicher schön gewesen. Hinterm Klosterweiher kommt bald der Wegweiser zur Friedrich-August-Grube, wo früher Nickel abgebaut wurde und die heute eine Schaugrube ist. Doch auch für solche Besonderheiten links und rechts des Weges fehlt der Blick. Neben dem Regen macht sich vor allem bei Jule Erschöpfung breit, so dass wir froh sind, als wir um kurz nach 16 Uhr die Kreuzfelsenhütte erreichen. Hier öffnet sich der Blick in ein Hochtal.

Jule fordert eine Pause ein und wir breiten unsere nassen Jacken und Regenröcke auf den Tischen aus. Jule legt sogar die Beine auf den Bänken hoch, isst etwas und entspannt sich. Ich kann nichts essen. Außer einem Würstchen bekomme ich kaum etwas runter. Auch trinken geht nicht. Mir wird sofort übel davon. An einen Energieriegel, auf den ich sogar Appetit hätte, komme ich leider nicht ran. Unsere Rucksäcke schwimmen inzwischen wieder. Durch den Regen wird es uns schnell kühl. Ich nutze trotzdem die Gelegenheit, mir einen Busch hinter der Hütte zu suchen. Seit den Lehrerinnen auf dem Lehenkopf haben wir keine anderen Wanderer getroffen, aber es scheint mein Schicksal zu sein, dass jedes Mal, wenn ich mal muss, andere Leute auftauchen. Doch die Männern, die da kommen, ziehen ihres Weges und ich meine Hose wieder hoch.

Danach schlüpfen wir wieder in die nassen und kalten Sachen und schultern die triefenden Rucksäcke. Wie weit noch bis Todtmoos? Keine Ahnung, ich habe den Überblick über diese Etappe verloren. Flogen wir nach dem Iso-Trink hinter Althütte noch bei trockenem Wetter über den Weg, so kriechen wir jetzt durch den Regen den Schluchtensteig entlang, immer einen Fuß vor den anderen setzend. Vielleicht war das doch ein bisschen mutig, eine solche Strecke in Angriff zu nehmen? Immerhin hat der Regen deutlich nachgelassen, dafür frischt der Wind auf. Es wird also ein bisschen besser. Denn ein kräftiger Wind trocknet unsere Regenkleidung etwas. Außerdem bleiben die Wege einfach zu gehen.

Das Kreuz mit den Kreuzen

Wir sind gerade ein bisschen abgetrocknet, haben den Hochkopf umrundet und kommen aus einem Wald heraus, da frischt der Wind nochmals kräftig auf. Die Welt wird dunkel und der Regen setzt mit voller Wucht wieder ein. Waagrecht schlagen die Tropfen auf uns ein. Nachdem Jule sich wieder eingepackt hat, gehen wir an der Landstraße ein kurzes Stück entlang, die uns zu einem Wanderparkplatz unterhalb des Ibacher Friedenkreuzes bringt. Hier scheiden sich die Geister bzw. Schluchtensteig und GPS-Track. Der Track spart nicht nur das Friedenskreuz und das Panorama , sondern auch den Anstieg dorthin aus. Wir folgen aber der Beschilderung des Schluchtensteigs und erklimmen den Aussichtspunkt. Nach einem kurzen aber knackigen Ansteig an einer weiteren Hochweide entlang, werden wir oben angekommen fast weggeweht. Unten war Todtmoos noch mit 8 km ausgeschildert. Bald werden wir es geschafft haben.

Vom „größten Landschafts-Alpenpanorama im Schwarzwald“ sehen wir nicht viel. Allerdings können wir einen guten Blick über die Ibacher Hochweiden werfen. An klaren Tagen muss die Aussicht gigantisch sein. Die Regenwolken sind leider ebenfalls gigantisch. Auch wenn der Regen gerade wieder etwas nachgelassen hat und wir wieder trocken gepustet werden, ahnen wir, dass das noch nicht alles war. Mut macht uns allerdings das Schild am Kreuz:

Auch habe ich einen meiner „Pilgermomente“. Ich blicke zum Kreuz auf und mir kommt ein Lied in den Sinn, dass wir früher immer in der Kirche gesungen haben. „Herr, wir bitten: Komm und segne uns; lege auf uns deinen Frieden. Segnend halte Hände über uns. Rühr uns an mit deiner Kraft.“

Diese drei Punkte: Frieden, Segen und Kraft können wir den nächsten 8 km gut gebrauchen. Während wir über die Kuhweide vom Aussichtspunkt absteigen, singe im Kopf immer noch den Refrain.

Laut Wegweiser sind es vom Ibacher Kreuz noch 2,5 km bis Todtmoos. Aber wie passt das mit den 8 km zusammen, die ich eben ebenfalls auf dem Wegweiser gesehen habe? Das Rätsel klärt sich erst 5 km und viele Kuhweiden später…

Nachdem wir uns am Fuß des Ibacher Friedenskreuz uns mal wieder an einem Gatter vorbei durch einen Durchgang gezwängt haben, bin ich froh, dass hier in Deutschland die sog. Kissing Gates unüblich sind. Die englische Bauweise dieser Weidegatter müssen Wanderer auf dem South West Coast Path fürchten. Hier bleibt man wohl gern mal stecken. Aber auch wir bleiben mit unseren Rucksacken in den Gatter hängen. Zumindest werden wir an jeder Weide erneut auf die Verhaltensregeln hingewiesen. Doch Kühe sehen wir eigentlich in der ganzen Zeit keine.

Ich weiß tatsächlich nicht, wie viele Weiden wir in der nächsten Stunde und auf rund 4 km durchqueren. Die Zeit vergeht in einem Nebel aus Gattern, Weiden und Regen, der inzwischen wieder stärker eingesetzt hat. Den berümten Aussichtspunkt „Lampenschweine“, von dem mein Reiseführer schwärmt, bekommen wir gar nicht. Vermutlich hätten wir auch nichts gesehen. Dabei hat dieser Aussichtspunkt nichts mit Schweinen zu tun. „Schweine“ bedeutet hier so viel wie „Rodung“.

Alternative Transportmittel?

Als wir kurz nach dem verpassten Aussichtspunkt aus dem Wald wieder mal auf eine freie Fläche auf einem Schotterweg treten, werden wir von einer jungen Frau überholt, die strammen Schrittes ein Pferd am Zügel führt. Sie fragt uns nach unserem Weg. Nachdem wir sagen, dass wir noch bis nach Todtmoos wollen, warnt sie uns genau die Lehrerinnen vor der Hohwehraschlucht. Laut ihrer Aussage ist der Weg in der Schlucht in keinem guten Zustand. Vor allem die Brücken sollen marode sein und der Weg glitschig und schwierig. Nun, das wissen wir bereits, und von daher machen wir uns keine Sorgen. Wir scherzen darüber, dass uns das Pferd ja mitnehmen kann. Doch sie meint nur, dass der junge Hengst noch bis vor kurzem wild gewesen sei. Dann verfällt sie in leichtes Joggen, das Pferd ihr folgend in einen leichten Trab. Wir dagegen traben nicht, sondern schleichen eher die sanfte Steigung hoch.

Nach dem kurzen Anstieg treffen wir zum ersten Mal seit langem auf eine Kuhweide, die nicht durchqueren müssen, sondern wo die Kühe brav neben dem Weg eingezäunt sind. Der Bauer macht hier gerade seine Abendrunde und krault ausgiebig einer Kuh den Rücken. Wir sind ein bisschen neidisch. Aber die Wellnessmassage ist nur von kurzer Dauer. Als der Bauer auf seinen Traktor steigt, schaut die Kuh ihm enttäuscht hinterher. Wir irgendwie auch. Wir wären gern ein Stück mitgenommen worden. Aber wir sind gerade an einer Kreuzung. Die Dame mit Pferd hat den linken Weg genommen und ist jetzt weit vor uns zu sehen. Der Bauer fährt geradeaus, wir dagegen müssen scharf links um die Weide drumrum. Also für uns keine Mitfahrgelegenheit.

Nach dieser kurzen Abwechslung geht es wieder los. Rum ums nächste Gatter, über die Weide, raus durchs nächste Gatter. Damit es nicht zu langweilig wird, geht es bei der nächsten Weide einmal steil runter und gleich wieder steil hoch. Der Wind zerrt immer noch an unsere Kleidung. Aber immerhin werden wir etwas trocken gepustet, denn es regnet nicht mehr so stark. Wind und neuer Regen liefern sich einen harten Kampf.

Als wir nach dem letzten Kuhgatter auf eine Landstraße kommen, spiele ich mit dem Gedanken im Haus, das wir weiter unten an der Straße sehen, dessen Fenster hell erleuchtet sind, nach einem Quartier für die Nacht zu fragen, oder mich einfach an die Bushaltestelle zu stellen, die sich an der Hauptstraße befindet und auf einen Bus zu warten. Doch der Schluchtensteig kennt keine Gnade. Durch den ständigen Regen ist dämmrig. Trotzdem sehe ich genau, dass uns der Weg jetzt einen Feldweg entlang wieder bergauf führt. Ein Traktor überholt uns. Ich wäre am liebsten aufgesprungen. Denn wenn ich gewusst hätte, wie steil es wird, ich hätte mich wohl sonst schreiend in den Straßengraben geworfen. Ich habe seit Stunden nichts gegessen oder getrunken, doch als wir den Waldsaum errreichen und wir so kurz etwas trockener stehen, ergreift Jule Maßnahmen. Beherzt fischt sie zwei Stücke Traubenzucker aus meinem Deckelfach und überredet mich so lange, bis ich sie endlich in den Mund stopfe. Auch sie luscht zwei Stücke. Das Zeug wirkt Wunder: Kurze Zeit später schaffe ich nicht nur die letzte Steigung für heute, sondern auch endlich etwas zu trinken, ohne dass mir speiübel wird. Speed könnte nicht besser wirken.

Nachdem wir mit dem Schwarzen Stock den letzten Höhepunkt für heute erreicht haben, wird der Weg flacher und nach einer Biegung nach links geht es über eine Forststraße hinab. Rechts taucht ein kleines Schild auf, das auf die Wehraquelle hinweist. Wir treffen damit auf den Wehratal-Erlebnispfad, der uns nun fast ans Ende unserer Wanderung begleiten wird. Nur wenige Minuten später erreichen wir das Ibacher Kreuz. Dieses Mal ohne den Zusatz Frieden.

Damit ist auch das Rätsel der Wegweiser gelöst: Es gibt zwei Ibacher Kreuze! Gemeint war die ganze Zeit dieses hier. Und das zeigt uns, dass jetzt der steile Abstieg durch die Hohwehraschlucht naht und wir bald Todtmoos erreichen. Noch 2-3 km, dann haben wir diese Wanderung geschafft (dachten wir).

Die zweite Schlucht für heute

Ein steiler, an manchen Stellen matschiger Trampelpfad führt uns hinuter zum Einstieg in die Schlucht. Nachdem ich endlich etwas trinken konnte, habe ich es wohl übertrieben und muss mir kurz vor der Schlucht noch einen Busch suchen. Die richtige Entscheidung, denn auf dem letzten Kilometer wird es keine Gelegenheit mehr dazu geben. Als wir um kurz nach 19 Uhr in die Schlucht einsteigen, hoffen wir, dass der Abstieg nach Todtmoos nicht so schlimm wird, wie uns die Reiterin prophezeit hat. Aber ich glaube auch inzwischen nicht mehr, dass wir unser Quartier noch vor 20 Uhr erreichen werden. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, zwischen 19:30 Uhr und 20 Uhr den Campingplatz zu erreichen. Das könnte eng werden. Trotzdem sollten wir jetzt nicht anfangen zu hetzen. Denn bei der Erschöpfung können wir nicht noch einen umgeknickten Fuß oder gar einen Sturz gebrauchen.

Tatsächlich ähnelnd die Hohwehraschlucht von ihrer Charakteristik her der Windbergschlucht, die uns in der ersten Tageshälfte nach St. Blasien führte. Der Weg geht über Felsen und Steine mal rechts, mal links der Wehra. Doch die Brücken, die wir passieren, sind nicht marode, nur vom Regen glitschig. Nach einer halben Stunde erreichen wir die ersten Häuser von Todtmoos. Da wir mit dem Wasser bergab gelaufen sind und uns mehr auf unsere Füße konzentriert haben, haben wir von den vielen kleinen, wohl sehr schönen Wasserfällen nicht viel gesehen.

Als wir um kurz vor 19:30 Uhr die ersten Häuser von Todtmoos erreichen, ist es fast dunkel, obwohl die Sonne eigentlich noch nicht untergegangen ist. Aber die Wolken hängen tief und bringen mehr Regen. Direkt am Schluchtensteig liegen Hotels und Pensionen. Wir sind verführt, direkt hier um ein Quartier für die Nacht zu suchen, weil wir endlich aus dem Regen rauswollen. Aber wir haben extra beim Campingplatz angerufen. Man erwartet uns dort. Jetzt müssen wir ihn nur noch finden. Gegenüber eines Restaurants flüchten wir unter ein Vordach und versuchen herauszufinden, wo wie lang müssen. Die Leute, die dort gerade gegenüber essen, gucken etwas konsterniert zu uns herüber. Ich weiß zwar die Straße, aber Jules Handy hat kein Empfang. Ich habe mir zwar gemerkt, dass wir nach der Ankunft Todtmoos noch ein ganzes Stück laufen müssen, weil der Wohnmobilstellplatz am anderen Ende des Dorfes liegt. Wir laufen zunächst weiter durch die Fußgängerzone bis zum Kurzpark, wo wir das Wanderportal erkennen können. Endlich hat Jule herausgefunden, dass wir genau nach Süden abbiegen müssen. Durch heftigen Regen geht es geradeaus durch ein Wohngebiet, wo uns wieder die Schilder von Ferienwohnungen und anderen Unterkünfte begrüßen. Doch wieder laufen brav weiter, bis wir endlich den Supermarkt sehen, der nach meinen Recherche in der Nähe des Platzes ist. Wir sehen auch ein Verkehrsschild, das den Stellplatz anzeigt. Aber das wurde für Wohnmobilfahrer aufgestellt, nicht für Wanderer. Also gehen wir in die Sackgasse und treffen hinter dem Supermarkt auf einen Sportplatz. Hinter dem Sportplatz sehe ich ein kleinen Gebäude, das erleuchtet ist. Der Torwart bestätigt meine Ahnung: Genau dort müssen wir hin!

Nebenbemerkung: Erst zuhause, während ich hier diesen Bericht schreibe, sehe ich auf der Karte, dass es einen ausgeschilderten Wanderweg durch den Kurpark gibt, der direkt zum Campingplatz führt.

Als wir die Terrasse erreichen, wird uns auch klar, warum wir den Stellplatz nicht gesehen haben. Der liegt hinter dem Sportplatz in einer Senke. Die Wohnmobile sind nicht zu sehen, nur das Verwaltungsgebäude ragt etwas heraus. Auf der Terrasse schütteln wir uns erstmal wie die begossenen Pudel. Oh, sind wir nass. Die letzten 1,5 km durch den Ort haben es nochmals gebracht. Was vorher der Wind getrocknet hat, ist jetzt völlig durchweicht. Aber in der Anmeldung ist es warm und unsere Wirtin ist sehr nett. Während wir das Finanzielle regeln, lässt draußen der Regen nach. Es ist 19:55 Uhr. Wir haben es doch vor 20 Uhr ans Ziel geschafft. Mein GPS zeigt 36,6 km!

Ein Tag zu viel für mich

Das Zelt können wir in einer kurzer Regenpause aufstellen. Es nieselt gerade nur noch. Auf der Zeltwiese steht nur noch ein weiteres Wanderpaar und ein Mietzelt. In diesem will ich meine Isomatte aufpusten, weil es im Zelt einfach zu eng ist. Außerdem will ich mit meiner tropfenden Regenjacke nicht alles nass machen. Ich bin gerademal zur Hälfte mit dem Aufpusten durch, als ich das wieder einsetztende Trommeln auf dem Mietzelt höre. Mit schlabberender Isomatte hechte ich rüber in unser Zelt. Das ist jetzt gerade alles zu viel für mich. 12 h, fast 37 km, der ständige Regen und die allgewärtige Nässe… Jetzt läuft bei mir das Fass über und damit die Tränen aus den Augen und der Rotz aus der Nase. Ich habe einen 1A-Weinkrampf. Jule bleibt zum Glück ganz ruhig. Sie übernimmt meine Isomatte und lässt mich erstmal heulen. Jule, meine Ruhepol, mein Halt, die beste Wanderpartnerin auf der Welt!

Irgendwann ist mein Isomatte fertig aufgepumpt, mein Schlafsack liegt an seinem Platz und ich bin in der Lage, mich und meinen Rucksack trockenzulegen. Nach einem kräftigen Schnäuzer raffe ich mich auf, den Brenner aufzubauen. Wir müssen dringend etwas essen. Zum Glück waren unsere Wasservorräte noch ausreichend, so dass wir gerade nicht nochmals aus dem Zelt müssen. Vom Regen habe ich die Schnauze wirklich voll.

Nach dem Essen habe ich mich endgültig gefangen, so dass ich das Untergeschoss des Verwaltungsgebäudes des Platzes erkunden kann. Es gibt eine Waschkammer mit Waschmaschine, Trockner und Bügelbrett. Nebenan sind die Toiletten und ein Traum von einer Dusche. Alles klein, aber sehr, sehr fein. Unter der Überdachung draußen ist ein großes Spülbecken, wo man prima Wasser zapfen kann. Doch heute will ich nicht mehr duschen. Nass war ich wahrlich genug. Nur unsere eine Wasserflasche fülle ich schon mal auf.

Allerdings merke ich bei meinem kurzen Spaziergang, dass es ohne eine Ibu heute Nacht nicht gehen wird. Meine linke Hüfte schmerzt, dass ich gerade wieder heulen könnte. Komischerweise ist das nur beim Liegen und Sitzen so. So lange ich weiterlaufe, ist alles gut. Vielleicht sollte ich das Schlafen einfach überspringen und stattdessen gleich weiterlaufen. Aber wir brauchen nach diesem Tag dringend Erholung. Auch Jule ist nicht mehr fit und ihr tut das Knie weg. Also rein mit den Tabletten. Um 22 Uhr fallen wir stehend K.O. in unsere Schlafsäcke. Allerdings reicht mir eine Tablette nicht. In der Nacht muss ich noch zwei Tabletten hinterher schieben, damit ich nicht wieder von Schmerzen geweckt werde.

Und doch, wir haben es geschafft. Fast zwei Etappen auf einmal gelaufen. Unglaublich. Ich kann es kaum glauben, dass wir das geschafft haben. Aber es ist so:

Zusammenfassung Tag 4.2

  • Gelaufen am: Dienstag, 03.08.2021
  • Länge laut Wanderführer: 19 km
  • Geschätzte Höhenmeter: 1.131 Hm (Aufstieg 590 Hm, Abstieg 541 Hm)
  • reine Gehzeit: 5:30 h
  • gesamte Dauer: 6:45 h
  • Charakteristik: Wenn man den Aufstieg auf den Lehenkopf geschafft hat, es ist eigentlich eine schöne Etappe. Der Höhenteil des Schluchtensteigs bietet viel offene Landschaft, viele Hochweiden und eigentlich großartige Alpenblicke, wenn man nicht vom Regen ersäuft wird. Der Untergrund ist nie wirklich schwierig, nur die Hohwehraschlucht erfordert die übliche Schluchten-Trittsicherheit.

Zusammenfassung Tag 4 gesamt

  • Gelaufen am: Dienstag, 03.08.2021
  • Länge laut GPS: 36,6 km
  • Geschätzte Höhenmeter: 2.326 Hm (Aufstieg 1.094 Hm, Abstieg 1.232 Hm)
  • reine Gehzeit: 9:12 h
  • gesamte Dauer: 12:19 h

Ausblick auf morgen

Letzte Etappe! Morgen steht die letzte Etappe des Schluchtensteigs an.

Unsere Gastgeberin hat uns den Tipp gegeben, auf dieser Seite der Wehra weiter Richtung Todtmoos-Au zu gehen und erst dort wieder auf den Schluchtensteig zu einzusteigen. Der Schluchtensteig geht vom Wanderportal im Kurpark, das wir bereits passiert haben, auf der rechten Seite der Wehra hoch zur Kurklinik und von dort aus durch den Wald über Schwarzenbach hinunter nach Au. Aber unsere Gastgeberin meint, dass dieser Teil nicht so sehenswert sei, als dass sich die 1,8 km zurück zum Wanderportal lohnen. Von hier aus kommen wir nicht hoch zur Klinik. Da ist die Wehra im Weg. Außerdem führt ein Weg hinter dem Campingplatz direkt hinunter nach Glashütte und weiter nach Au.

Doch zunächst werden wir ausschlaffen. Wie es dann in Wehr, am Ziel des Schluchtensteigs, weitergeht, wissen wir noch nicht. Eigentlich wollten wir uns ein Hotel gönnen, um am nächsten Tag einen kompletten Rückreisetag zu haben. Aber das mussten wir ja absagen, da wir einen Tag zu früh sind. Es gibt noch ein Hotel, das direkt am Weg liegt. Vielleicht fragen wir dort nach einem Zimmer. Oder wir fahren direkt mit Bus und Bahn zurück nach Stühlingen und von dort in die Nacht hinein nach Hause. Sollte das Wetter nicht besser und die Prognose für Mittwoch so schlimm bleiben – es sollte mal der schlechteste Tag der Woche werden – könnten wir auch hier abbrechen. Wir haben eine Konus-Karte, so eine Art Gäste-Karte für den Schwarzwald, womit wir alle öffentlichen Verkehrmittel kostenlos nutzen können. Viele Möglichkeiten also. Wir werden sehen…

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